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Fahrt ins Blaue

19.01.2007

Von Rainer Leurs

Ein Deutscher bereitet sich auf die vielleicht härteste Regatta der Welt vor: Es geht über den Atlantik, von Europa nach Amerika. In einem Ruderboot.

Im Ruderboot nach Amerika zu fahren ist gefährlich und langwierig - Zweierteams brauchen mindestens 40 Tage

Im Ruderboot nach Amerika zu fahren ist gefährlich und langwierig - Zweierteams brauchen mindestens 40 TageUm zu begreifen, auf was sich Peter Raab da eingelassen hat, muss man einfach dieses Boot sehen. Es liegt im Sporthafen Puerto Colòn auf Teneriffa in der Sonne, ist nicht länger als ein Fußballtor und gelb wie ein Postauto - schön knallig, damit es nicht von einem Öltanker gerammt wird. Die "Martha 2", 7,10 Meter lang, bietet weder Segel noch Motor, aber Platz für zwei sehr mutige Männer. 4700 Kilometer wollen Peter Raab und sein Partner in diesem Nussschälchen rudern, über den Atlantik bis nach Amerika.

Was die beiden vorhaben, ist eines der härtesten Abenteuer überhaupt. Zum Vergleich: Auf den Mount Everest sind in den letzten 50 Jahren fast 3000 Menschen gestiegen, dabei gab es 200 Tote. Ohne Hilfe über einen Ozean zu rudern, das ist seit dem 19. Jahrhundert überhaupt erst 174-mal gelungen. Jeder dritte Kandidat packt es nicht; und obwohl die Überlebenschancen besser sind als auf dem höchsten Berg der Erde, kommt auch hier immer mal wieder jemand um.

Im Ruderboot nach Amerika zu fahren ist gefährlich und langwierig - Zweierteams brauchen mindestens 40 Tage

 

Lebensgefährliche Faszination

Haben noch ein Jahr zum Üben: Peter Raab und Feliciano mit der Martha 2"Du riskierst dein Leben dabei, das ist Teil der Faszination", sagt Kenneth Crutchlow. Er ist Chef der Ocean Rowing Society, dem Dachverband dieser extremen, öffentlich kaum wahrgenommenen Wassersportdisziplin. Die Society veranstaltet auch eine Regatta von La Gomera vor der marokkanischen Küste nach Antigua in der Karibik. Da will Peter Raab nächstes Jahr mitrudern, mit seinem spanischen Partner Pedro Feliciano. Sollte ihm die Überfahrt gelingen, wäre er damit der erste Deutsche überhaupt.

Vor allem psychische Belastungen stehen den beiden bevor. "Es ist zu 75 Prozent eine mentale Sache", sagt Crutchlow. "Du musst dein Hirn unter Kontrolle haben. Ein starker Kerl sein - das bedeutet gar nichts." Gegen die Gewalt von Wind und Meer richtet schließlich auch der härteste Athlet nichts aus. Fast immer ist es nass im Boot, fast jeder wird seekrank und hängt irgendwann kotzend über der Reling. Man magert ab, bekommt Blasen an den Händen und blutende Schwären am Hintern. Für Soloruderer wird die Einsamkeit zur Folter. Und immer ist da die Angst, trotz der grellen Bootsfarbe von einem Schiff überrollt zu werden.

Dass Leute so etwas auf sich nehmen, liegt in der menschlichen Natur, glaubt Crutchlow. "Es gibt eben Leute, die nur arbeiten gehen und ihre Hypothek abbezahlen - und es gibt die anderen, die sich auf die Probe stellen." Furchtlose Typen wie den Niederländer Ralph Tuijn, der gerade erst den Atlantik überquert hat und Ende Januar schon wieder allein von Peru Richtung Australien aufbrechen wird - 16.000 Kilometer in einem Ruderboot. Verwegene Männer wie den Briten Dom Mee: 2001 war er von Japan Richtung Nordamerika gerudert und hatte dabei drei Taifune überstanden, bevor ihn nach 5000 Meilen auf See ein Fischtrawler überfuhr. Gerade jetzt sitzt Dom Mee wieder in einem Boot auf dem Atlantik und rudert Richtung Westen. "Auch Peter Raab ist einer von dieser Sorte", sagt Crutchlow. "Er hat eine Frau und einen Job, und das ist ihm nicht genug."

Raab selbst ist viel zu bescheiden, um den harten Kerl zu markieren. Normalerweise kann man bei seiner Firma Jachten vom Festland auf die Kanarischen Inseln überführen lassen oder einen Bootsführerschein machen. "Ich bin so der Typ, ein bissel was anderes zu machen wie die anderen Leute", fränkelt er - zehn Jahre Leben und Arbeit auf Teneriffa haben sein Deutsch holprig gemacht. "Bevor ich irgendwann Vater werd', möcht' ich eben noch ein kleines Adventure haben." Sein freches Grinsen entblößt eine Reihe kleiner Zähne; er ist ein sportlicher Kerl mit dunkelblondem Kurzhaarschnitt in T-Shirt und kurzen Hosen. "Es ist gefährlich, sicher. Es gibt Chancen, dass ich nicht zurückkomm'. Aber in einem Segelboot wär's doch genauso gefährlich", sagt er.

Neben dem Training auf der Rudermaschine im Fitnessraum üben Peter Raab und Pedro Feliciano dreimal pro Woche mit ihrem Boot. Weil der Rumpf aus Furnierholz und Epoxidharz nicht dauernd im Wasser liegen soll, muss die "Martha 2" nach jeder Fahrt auf einen Anhänger gehievt werden; für Probefahrten seilt sie ein großer Gabelstapler ins Hafenbecken ab.

Die Ruderer setzen sich in den vorderen Teil des Bötchens, auf die kleinen Sitze mit Gelpolsterung, auf denen man beim Pullen vor- und zurückrollt wie in einem Rennboot. Dann greifen sie zu zweit in die schwarzen Riemen und manövrieren die "Martha 2" an festgemachten Segeljachten und Motorschiffchen vorbei. Gleich hinter der Mole, die den Sporthafen von Playa de las Américas vor den Wellen des Atlantiks schützen soll, liegt das offene Meer Richtung La Gomera - ein ideales Trainingsgebiet für die beiden Ruderer, und bitter nötig obendrein: Raab hat vom Rudern nicht viel Ahnung, wie er sagt. Er ist sich aber sicher: Das kann man alles lernen.


"Ich wollte eigentlich allein fahren"

Hochseeerfahrung bringt vor allem der zweite Mann an Bord mit - Pedro Feliciano arbeitet als Skipper auf einer 20 Meter langen Charterjacht und ist auch schon mal über den Atlantik gesegelt. "Ich wollte eigentlich allein fahren, aber das hat meine Frau nicht akzeptiert", sagt Raab. "Deshalb habe ich einen Partner gesucht, dem sie vertraut." Feliciano ist ein guter Freund der Raabs, ein Spanier mit Silberbart und schwarz behaarten, kräftigen Armen. Auf hoher See wird immer nur einer der beiden rudern können - während der andere schläft, kocht oder die "Martha 2" repariert.

Deren Bauweise ist für die Erfolgsaussichten der Mission entscheidend, mit einem normal gebauten Boot wäre die Fahrt aussichtslos. Durchgesetzt hat sich bei Ozeanruderern mittlerweile eine Konstruktion, bei der man im Freien sitzt, aber jederzeit in eine wasserdichte, winzige Kajüte im Heck schlüpfen kann. Sie bietet auch Stauraum für Proviant, Ausrüstung und Elektronik. Und ganz wichtig: Ozeanruderboote sind so konstruiert, dass sie sich beim Kentern selbst wieder aufrichten. Solche Schiffchen sind im Prinzip unsinkbar, und selbst bei schlimmen Unfällen auf See werden sie früher oder später immer an irgendeiner Küste angeschwemmt.

Die "Martha 2" hat es sogar schon einmal bis in die Karibik geschafft: Raab und Feliciano haben sie nämlich nur gemietet; vor fünf Jahren brauchten zwei Spanier mit diesem Boot von Teneriffa bis Barbados 61 Tage und 15 Stunden. "Sie stand seitdem im Trockendock und ist ein bisschen verwahrlost. Wir stecken viel Geld rein", sagt Raab. Neben den neuen Sitzen brauchen sie noch neue Riemen und Solarzellen; im Grunde muss die gesamte Elektrik neu installiert werden.

Um die 100.000 Euro kostet es, so eine Expedition auszurüsten, schätzt Kenneth Crutchlow. Schließlich hängt das Leben eines Ozeanruderers auch von der Technik an Bord ab. Man braucht einen Treibanker, um das Boot im Sturm stabil zu halten. Außerdem Planen zum Auffangen von Regenwasser und ein Entsalzungsgerät, mit dem man Meerwasser trinkbar macht. Konserven für vielleicht drei Monate auf See kann man natürlich nicht mitschleppen - bewährt hat sich daher eine Art Astronautennahrung, die mit Salzwasser auf einem Campingkocher aufgebrüht wird und wie Hundefutter aussieht. Und Pflicht an Bord ist eine EPIRB-Notfunkbake - ein Sender mit Satellitenortung, der ein Rettungssignal absetzt, wenn wirklich etwas Schlimmes passiert.


Die Passage bleibt gefährlich

Trotzdem bleibt die Passage gefährlich. 2001 verschwand der US-Amerikaner Nenad Belic im Sturm vor der irischen Küste, nach 151 Tagen auf See. Sein Boot wurde später angeschwemmt, seine Leiche nie gefunden. Und der große britische Ozeanruderer Peter Bird starb 1996 beim Versuch, den Pazifik von Westen nach Osten zu überqueren. Andreas Rommel, vor Peter Raab der letzte Deutsche, der sich an einem Ozean versucht hat, musste nach 47 Tagen auf See völlig entkräftet aus dem stürmischen Nordatlantik gefischt werden - vorher war sein Boot fünfmal gekentert und leckgeschlagen.

So etwas könnte Raab und Feliciano natürlich auch passieren. "Aber das ist auch eine Frage der Disziplin an Bord", sagt der Deutsche. "Andere Leute haben einfach Fehler gemacht, zum Beispiel ein Fenster offen stehen lassen, weil ihnen zu heiß war. Man muss hoch konzentriert sein." Das Schlimmste, was ihnen passieren könnte? "Dass wir das Boot verlieren. Dass wir uns verletzen oder uns der Wasserfilter kaputtgeht. Dann haben wir ein Problem da draußen." Immerhin könnten die zwei Segeljachten helfen, die die Regatta begleiten.

Aber das Feld wird weit auseinanderliegen - gut möglich, dass das nächste Schiff 500 Seemeilen weit weg ist. Man muss sich die Dimensionen klar machen: Wenn jemand auf dem Atlantik einen Notruf absetzt, kommt nicht etwa jemand von der Seenotrettung vorbei. Hubschrauber der Küstenwache haben eine Reichweite von vielleicht 700 Kilometern - nicht besonders viel auf dem Meer. Helfen kann höchstens ein Schiff, das zufällig in der Nähe ist und freundlicherweise seinen Kurs ändert.


Pflichtseminare für Ozeanruderer

Trotzdem hat sich der Sport durch die moderne Technik natürlich verändert. "Früher waren die Ruderer aus anderem Holz geschnitzt", sagt Kenneth Crutchlow: Es gab kein EPIRB, kein frisches Trinkwasser und keinen Weg zurück. "Diese Jungs hatten die richtige Einstellung. Die haben gesagt: Ruder über einen Ozean - nimm den Tod in Kauf." Heute muss die Ocean Rowing Society sogar sicherstellen, dass keiner schummelt. Wer als Ozeanruderer anerkannt werden möchte, muss ein Ortungsgerät an Bord haben - sonst glaubt man ihm nicht. Demnächst sollen außerdem Pflichtseminare eingeführt werden, in denen angehende Ozeanruderer zumindest das Allerwichtigste lernen: wie man auf dem Meer seine Notdurft verrichtet zum Beispiel, wie man sich schlafen legt oder wie ein Treibanker funktioniert.

Raab und Feliciano haben noch genau ein Jahr, um sich vorzubereiten - am 20. Januar 2008 startet die internationale Atlantikregatta der Ocean Rowing Society. Harte Zeiten für Peter Raabs Frau Claudine. Nicht nur, weil sie sich Sorgen um ihren Mann macht. "Es ist eben so, dass man privat fast nur noch übers Rudern spricht", sagt er. "Und das geht ihr gerade ein bisserl auf den Geist."