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Lebensgefährliche Faszination
Haben noch ein Jahr zum Üben: Peter Raab und Feliciano mit der
Martha 2"Du riskierst dein Leben dabei, das ist Teil der
Faszination", sagt Kenneth Crutchlow. Er ist Chef der Ocean
Rowing Society, dem Dachverband dieser extremen, öffentlich kaum
wahrgenommenen Wassersportdisziplin. Die Society veranstaltet
auch eine Regatta von La Gomera vor der marokkanischen Küste
nach Antigua in der Karibik. Da will Peter Raab nächstes Jahr
mitrudern, mit seinem spanischen Partner Pedro Feliciano. Sollte
ihm die Überfahrt gelingen, wäre er damit der erste Deutsche
überhaupt.
Vor allem psychische Belastungen stehen den beiden bevor. "Es
ist zu 75 Prozent eine mentale Sache", sagt Crutchlow. "Du musst
dein Hirn unter Kontrolle haben. Ein starker Kerl sein - das
bedeutet gar nichts." Gegen die Gewalt von Wind und Meer richtet
schließlich auch der härteste Athlet nichts aus. Fast immer ist
es nass im Boot, fast jeder wird seekrank und hängt irgendwann
kotzend über der Reling. Man magert ab, bekommt Blasen an den
Händen und blutende Schwären am Hintern. Für Soloruderer wird
die Einsamkeit zur Folter. Und immer ist da die Angst, trotz der
grellen Bootsfarbe von einem Schiff überrollt zu werden.
Dass Leute so etwas auf sich nehmen, liegt in der menschlichen
Natur, glaubt Crutchlow. "Es gibt eben Leute, die nur arbeiten
gehen und ihre Hypothek abbezahlen - und es gibt die anderen,
die sich auf die Probe stellen." Furchtlose Typen wie den
Niederländer Ralph Tuijn, der gerade erst den Atlantik überquert
hat und Ende Januar schon wieder allein von Peru Richtung
Australien aufbrechen wird - 16.000 Kilometer in einem Ruderboot.
Verwegene Männer wie den Briten Dom Mee: 2001 war er von Japan
Richtung Nordamerika gerudert und hatte dabei drei Taifune
überstanden, bevor ihn nach 5000 Meilen auf See ein Fischtrawler
überfuhr. Gerade jetzt sitzt Dom Mee wieder in einem Boot auf
dem Atlantik und rudert Richtung Westen. "Auch Peter Raab ist
einer von dieser Sorte", sagt Crutchlow. "Er hat eine Frau und
einen Job, und das ist ihm nicht genug."
Raab selbst ist viel zu bescheiden, um den harten Kerl zu
markieren. Normalerweise kann man bei seiner Firma Jachten vom
Festland auf die Kanarischen Inseln überführen lassen oder einen
Bootsführerschein machen. "Ich bin so der Typ, ein bissel was
anderes zu machen wie die anderen Leute", fränkelt er - zehn
Jahre Leben und Arbeit auf Teneriffa haben sein Deutsch holprig
gemacht. "Bevor ich irgendwann Vater werd', möcht' ich eben noch
ein kleines Adventure haben." Sein freches Grinsen entblößt eine
Reihe kleiner Zähne; er ist ein sportlicher Kerl mit
dunkelblondem Kurzhaarschnitt in T-Shirt und kurzen Hosen. "Es
ist gefährlich, sicher. Es gibt Chancen, dass ich nicht
zurückkomm'. Aber in einem Segelboot wär's doch genauso
gefährlich", sagt er.
Neben dem Training auf der Rudermaschine im Fitnessraum üben
Peter Raab und Pedro Feliciano dreimal pro Woche mit ihrem Boot.
Weil der Rumpf aus Furnierholz und Epoxidharz nicht dauernd im
Wasser liegen soll, muss die "Martha 2" nach jeder Fahrt auf
einen Anhänger gehievt werden; für Probefahrten seilt sie ein
großer Gabelstapler ins Hafenbecken ab.
Die Ruderer setzen sich in den vorderen Teil des Bötchens, auf
die kleinen Sitze mit Gelpolsterung, auf denen man beim Pullen
vor- und zurückrollt wie in einem Rennboot. Dann greifen sie zu
zweit in die schwarzen Riemen und manövrieren die "Martha 2" an
festgemachten Segeljachten und Motorschiffchen vorbei. Gleich
hinter der Mole, die den Sporthafen von Playa de las Américas
vor den Wellen des Atlantiks schützen soll, liegt das offene
Meer Richtung La Gomera - ein ideales Trainingsgebiet für die
beiden Ruderer, und bitter nötig obendrein: Raab hat vom Rudern
nicht viel Ahnung, wie er sagt. Er ist sich aber sicher: Das
kann man alles lernen.
"Ich
wollte eigentlich allein fahren"
Hochseeerfahrung bringt vor allem der zweite Mann an Bord mit -
Pedro Feliciano arbeitet als Skipper auf einer 20 Meter langen
Charterjacht und ist auch schon mal über den Atlantik gesegelt.
"Ich wollte eigentlich allein fahren, aber das hat meine Frau
nicht akzeptiert", sagt Raab. "Deshalb habe ich einen Partner
gesucht, dem sie vertraut." Feliciano ist ein guter Freund der
Raabs, ein Spanier mit Silberbart und schwarz behaarten,
kräftigen Armen. Auf hoher See wird immer nur einer der beiden
rudern können - während der andere schläft, kocht oder die
"Martha 2" repariert.
Deren Bauweise ist für die Erfolgsaussichten der Mission
entscheidend, mit einem normal gebauten Boot wäre die Fahrt
aussichtslos. Durchgesetzt hat sich bei Ozeanruderern
mittlerweile eine Konstruktion, bei der man im Freien sitzt,
aber jederzeit in eine wasserdichte, winzige Kajüte im Heck
schlüpfen kann. Sie bietet auch Stauraum für Proviant,
Ausrüstung und Elektronik. Und ganz wichtig: Ozeanruderboote
sind so konstruiert, dass sie sich beim Kentern selbst wieder
aufrichten. Solche Schiffchen sind im Prinzip unsinkbar, und
selbst bei schlimmen Unfällen auf See werden sie früher oder
später immer an irgendeiner Küste angeschwemmt.
Die "Martha 2" hat es sogar schon einmal bis in die Karibik
geschafft: Raab und Feliciano haben sie nämlich nur gemietet;
vor fünf Jahren brauchten zwei Spanier mit diesem Boot von
Teneriffa bis Barbados 61 Tage und 15 Stunden. "Sie stand
seitdem im Trockendock und ist ein bisschen verwahrlost. Wir
stecken viel Geld rein", sagt Raab. Neben den neuen Sitzen
brauchen sie noch neue Riemen und Solarzellen; im Grunde muss
die gesamte Elektrik neu installiert werden.
Um die 100.000 Euro kostet es, so eine Expedition auszurüsten,
schätzt Kenneth Crutchlow. Schließlich hängt das Leben eines
Ozeanruderers auch von der Technik an Bord ab. Man braucht einen
Treibanker, um das Boot im Sturm stabil zu halten. Außerdem
Planen zum Auffangen von Regenwasser und ein Entsalzungsgerät,
mit dem man Meerwasser trinkbar macht. Konserven für vielleicht
drei Monate auf See kann man natürlich nicht mitschleppen -
bewährt hat sich daher eine Art Astronautennahrung, die mit
Salzwasser auf einem Campingkocher aufgebrüht wird und wie
Hundefutter aussieht. Und Pflicht an Bord ist eine
EPIRB-Notfunkbake - ein Sender mit Satellitenortung, der ein
Rettungssignal absetzt, wenn wirklich etwas Schlimmes passiert.
Die
Passage bleibt gefährlich
Trotzdem bleibt die Passage gefährlich. 2001 verschwand der US-Amerikaner
Nenad Belic im Sturm vor der irischen Küste, nach 151 Tagen auf
See. Sein Boot wurde später angeschwemmt, seine Leiche nie
gefunden. Und der große britische Ozeanruderer Peter Bird starb
1996 beim Versuch, den Pazifik von Westen nach Osten zu
überqueren. Andreas Rommel, vor Peter Raab der letzte Deutsche,
der sich an einem Ozean versucht hat, musste nach 47 Tagen auf
See völlig entkräftet aus dem stürmischen Nordatlantik gefischt
werden - vorher war sein Boot fünfmal gekentert und
leckgeschlagen.
So etwas könnte Raab und Feliciano natürlich auch passieren. "Aber
das ist auch eine Frage der Disziplin an Bord", sagt der
Deutsche. "Andere Leute haben einfach Fehler gemacht, zum
Beispiel ein Fenster offen stehen lassen, weil ihnen zu heiß
war. Man muss hoch konzentriert sein." Das Schlimmste, was ihnen
passieren könnte? "Dass wir das Boot verlieren. Dass wir uns
verletzen oder uns der Wasserfilter kaputtgeht. Dann haben wir
ein Problem da draußen." Immerhin könnten die zwei Segeljachten
helfen, die die Regatta begleiten.
Aber das Feld wird weit auseinanderliegen - gut möglich, dass
das nächste Schiff 500 Seemeilen weit weg ist. Man muss sich die
Dimensionen klar machen: Wenn jemand auf dem Atlantik einen
Notruf absetzt, kommt nicht etwa jemand von der Seenotrettung
vorbei. Hubschrauber der Küstenwache haben eine Reichweite von
vielleicht 700 Kilometern - nicht besonders viel auf dem Meer.
Helfen kann höchstens ein Schiff, das zufällig in der Nähe ist
und freundlicherweise seinen Kurs ändert.
Pflichtseminare für Ozeanruderer
Trotzdem hat sich der Sport durch die moderne Technik natürlich
verändert. "Früher waren die Ruderer aus anderem Holz geschnitzt",
sagt Kenneth Crutchlow: Es gab kein EPIRB, kein frisches
Trinkwasser und keinen Weg zurück. "Diese Jungs hatten die
richtige Einstellung. Die haben gesagt: Ruder über einen Ozean -
nimm den Tod in Kauf." Heute muss die Ocean Rowing Society sogar
sicherstellen, dass keiner schummelt. Wer als Ozeanruderer
anerkannt werden möchte, muss ein Ortungsgerät an Bord haben -
sonst glaubt man ihm nicht. Demnächst sollen außerdem
Pflichtseminare eingeführt werden, in denen angehende
Ozeanruderer zumindest das Allerwichtigste lernen: wie man auf
dem Meer seine Notdurft verrichtet zum Beispiel, wie man sich
schlafen legt oder wie ein Treibanker funktioniert.
Raab und Feliciano haben noch genau ein Jahr, um sich
vorzubereiten - am 20. Januar 2008 startet die internationale
Atlantikregatta der Ocean Rowing Society. Harte Zeiten für Peter
Raabs Frau Claudine. Nicht nur, weil sie sich Sorgen um ihren
Mann macht. "Es ist eben so, dass man privat fast nur noch übers
Rudern spricht", sagt er. "Und das geht ihr gerade ein bisserl
auf den Geist." |